Infiziert – Ein Bericht von Berni Rensik

Ich steuere unter Grat auf einen hell schillernden Berg zu, rund sind seine Kontouren, die mich aber nicht beruhigen. Ich fühle mich eingekesselt, dem Profil so nahe, steuere immer weiter auf die Wand zu. Über mir kreisen zwei Gänsegeier. Endlich erlösendes Steigen. Meine Hand klammert sich für mich vollkommen ungewohnt am Steuerknüppel des Kestrels fest. So dicht am Hang “sieht” man das Steigen regelrecht. Es ist nach meinem Flug im DuoDiscus mit Soufian am Vortag mein erster Tag im Einsitzer im Gebirge. Wir achtern am Cheval Blanc.


Besonders aufregend sind diese ersten Tage im Gebirge für einen eingefleischten Flachlandpiloten aus Bremen wie mich. Und gerade deshalb bin ich glücklich die Gelegenheit endlich beim Schopfe gepackt und unter Anleitung Zugang zur Gebirgsfliegerei gefunden zu haben. Soufian und Nico, meine beiden jungen Kameraden der Segelfluggruppe Bremen, wußten von meinem langehegten Traum und fragten, ob ich nicht nach Südfrankreich mitkommen wolle. Soufian war schon mehrfach mit unseren Vereinskameraden dort und kennt das Terrain. Für Nico und mich sollte es aber neu sein. Der Stützpunkt der BFV bietet einfach einen guten Ausgangpunkt. Ich wußte, ich würde aber nur unter Anleitung eines “Vorturners” ins Relief gehen.

Der Deal war klar. Einweisungsflug im Doppelsitzer, dann im Team fliegen. Mein Kestrel wußte was zu tun war. Mit den Grundregeln des Gebirgsfliegens hatte ich mich natürlich im Vorfeld vertraut gemacht, und im Teamflug konnte ich mir Taktik und Umgang mit dem Gelände abschauen, während Frank Strewinsky tatkräftig vor den Reliefkarten mit Erklärungen zu den Windsystemen zur Hilfe stand. Unsere Flugwege führten uns in die Ecrins, in ausreichendem Höhenabstand zur Schutzzone ins Mercantour, zum Gallibier, am zweiten Tag gleich zum Col d’Etache. Eines Tages schob uns am Chaberton überraschend bei recht schwachen Wind eine leichte Welle nicht nur über die tiefen Wolken des Susa-Tals, sondern auch über die deutlich höheren Wolken der Südalpen auf 4.800 Meter. Phantastische Optik. Unglaubliche, nachhaltige Eindrücke prägten sich mir ein. Zwei Wochen vergingen sprichwörtlich wie im Fluge.

Kaum in der Heimat Bremen angekommen, stand für meine Frau und mich fest, wir würden in 14 Tagen erneut nach Vinon fahren. Dieses Mal konnten wir einen Vereinskameraden überzeugen mitzufahren. Tim kommt mit an Bord des Cabanons Uli. Die DG800 und der Kestrel harmonieren gut. Nun, wir waren ja auch nicht auf Rekord- sondern Erlebnisjagd. Konvergenzen an der italienischen Grenze, erneut mehrfach in den Glacier Blanc eingeflogen, über das Modanetal gehüpft, bei Mistral Welle geflogen, Frühstück in der Morgensonne, Wein zum Sonnenuntergang genossen. Ach, was könnten wir wieder für Geschichten erzählen.

Nach Bremen zurückgekehrt habe ich gleich meinen Hausarzt aufgesucht, und dieser versicherte mir, es gäbe kein Medikament oder nachträgliche Impfung gegen die erworbene Alpenfluginfektion. So füge ich mich meinem Schicksal und werde mir im April 2017 gemeinsam mit weiteren Mitgliedern des BFV wieder eine Dosis Vinon geben. Es hilft ja eh nichts anderes.

Berni Rensink